WVZ Abschießen – Soziale Sicherheit stärken!

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Prisma (Interventionistische Linke)

Ende Gelände Leipzig

Solidarische Jugend Leipzig

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BO Wilder Osten

Ermittlungsausschuss Leipzig

 

Du und dein Ladenprojekt, Verein oder Gruppe möchten die Forderungen auch unterstützen? Dann schreib gern eine Mail an copwatchleipzig@riseup.net. Wir aktualisieren die Liste stetig.

 

 

WVZ Kontrollen 2. Halbjahr

Ein Jahr zu viel…

Eine Aufstellung der Kontrollen in der WVZ Eisenbahnstraße von April bis September 20191

Zum PDF: wvz-kontrollen nach einem Jahr

 

Nach einem Jahr Bestehen wird die Waffenverbotszone (WVZ) auf der Eisenbahnstraße in Leipzig durch die Polizei(hochschule) evaluiert. Wir starten gegen die Verlängerung eine Kampagne, die sich auch für soziale Lösungen für die bestehenden sozialen Probleme einsetzt (https://copwatchleipzig.home.blog/wvz-abschiesen/)

Mit diesem Text soll das 2. Halbjahr der WVZ ausgewertet werden.

Wir haben viele Kontrollen selbst erlebt oder erzählt bekommen. Wir wissen wer Ziel von polizeilichen Maßnahmen wurde, warum und wie diese Menschen behandelt wurden.

Durch monatliches Abfragen der Ergebnisse der Polizei können wir diese Erfahrungen quantitativ einordnen. Es wird klar wie viel Arbeitsaufwand die Polizei damit hat, die ihre Überlastung ja immer beklagt, wie viele Grundrechtseingriffe erduldet werden mussten und wofür?!

Oft genug haben wir die Sinnlosigkeit der autoritären Maßnahme hervorgehoben. Die Waffenverbotszone weiter aufrecht zu erhalten ist nicht nur in sozialer, demokratischer und libertärer Hinsicht ein Fehler, sondern auch kontrafaktisch.

Eine Nachprüfung, warum Menschen kontrolliert wurden, ist nur in berichteten Fällen möglich, da darüber keine Statistik geführt wird. Allerdings wird von Beamt*innen oft keine Rechtsgrundlage genannt bzw. immer wieder die WVZ vorgeschoben. Die Verordnung ist aber keine Rechtsgrundlage für Kontrollen!2

Auch mit der Ausweispflicht sieht es nicht gut aus. Wenn die Polizeibeamt*innen ihren Dienstausweis verweigern, ist das rechtswidrig.3 Die systematische Verletzung von polizeilichen Pflichten wird aufgrund der Rechtsunsicherheit und dem fehlenden Wissen über eigene Rechte ausgenutzt.

Die Kriterien für Ausnahmen vom Verbot für Anwohner*innen, Gewerbetreibende und weitere, sind außerdem nicht hieb- und stichfest. Waffen und gefährliche Gegenstände dürfen demnach mitgeführt werden, wenn sich diese in „verschlossenen Behältnissen oder Verpackungen, die einen unmittelbaren Zugriff verhindern“ befinden. Wenn eben gerade kein Vorhängeschloss an einem Waffenkoffer hängt, darf der Gegenstand nicht „innerhalb von drei Sekunden und mit weniger als drei Handgriffen unmittelbar in Anschlag gebracht werden“. Wie dies in der Praxis ermittelt wird, beantwortet die zitierte Anfrage4 nicht. Im Gegenteil wird mal wieder deutlich, dass auch dieser Verstoß vom Wohlwollen der Beamt*innen abhängig ist.

Menschen, die kontrolliert wurden oder Kontrollen mitbekommen haben, teilten ihre Erfahrungen mit uns: Klassistisch5 und rassistisch motiviert werden Menschen kontrolliert, auch spielende Kinder. „Der könnte gefährlich sein, weil er einen Bart trägt.“,“Der sieht gar nicht so aus, als ob er sich dieses Fahrrad leisten könne.“ und „Lass mal die junge Studentin kontrollieren, damit alle das Gefühl bekommen überwacht zu werden – nicht nur die schwarzen Männer“ könnten Überlegungen sein, die Polizist*innen, oft auch nur unbewusst, zu ihren Maßnahmen veranlassen. Eltern sind sich unsicher, ob sie ihren Kindern Scheren mit in die Schule geben können – formal ist das mit einer Strafe bis 1000€ angedroht.6 Getroffenen werden vor allem PoC7, alternativ und prekär Erscheinende. Die sowieso schon diskriminierten und exkludierten Personen werden so noch weiter ins Abseits gedrängt. Kann das der Sinn einer Maßnahme sein, die eigentlich dazu beitragen soll, dass sich Menschen hier sicherer fühlen?

Es folgt eine Auflistung der vorgenommenen Kontrollen und Verstöße, sowie den Funden. Die Divergenz zwischen den Funden und Verstößen kommt vermutlich daher, dass eine Person mehrere Dinge dabei gehabt haben kann.

April 20198

301 einzelne Personenkontrollen/ldentitätsfeststellungen

15 Verstöße

14 Messer, ein Tierabwehrspray, eine selbstgebaute Hieb- und Stichwaffe

Mai 20199

234 Personenkontrollen/Identitätsfeststellungen

8 Verstöße

fünf Messer, eine Machete, eine Schusswaffe und ein Elektroimpulsgerät

Juni 201910

203 Personenkontrollen/Identitätsfeststellungen

8 Verstöße, 10 verbotene Gegenstände (erstmals wurde eine komische Aufteilung vorgenommen, die sich nicht mit den gefundenen Gegenständen deckt und uns unverständlich ist)

acht Messer, ein Reizstoffsprühgerät, eine Kette mit Hakenklingen

Juli 201911

263 PersonenkontrolIen/ldentitätsfeststellungen

12 Verstöße + 23 verbotene Gegenstände

dreizehn Messer, eine Schere, eine Softairwaffe, sechs Reizstoffsprühgeräte, einen Teleskopstab, einen Baseballschläger

August 201912

144 einzelne Personenkontrollen/Identitätsfeststellungen

11 Verstöße

elf Messer, zwei Reizstoffsprühgeräte und ein Teleskopschlagstock

September 201913

242 einzelne Personenkontrollen/Identitätsfeststellungen

3 Verstöße

vier Messer

Die Zahlen sind oft nicht aussagekräftig und geben nur bedingt Aufschluss über die tatsächliche Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung. Dies ist aber die Voraussetzung für präventiv-polizeiliches Eingreifen.

Zunächst mal gilt alles, was auch nur ansatzweise so aussehen könnte, als Messer. Das heißt auch, dass die Omi, die einen Apfel im Rabet für ihre Enkel aufschneiden will, oder jemand, die*der sich unterwegs ein Brot schmieren will, ein Messer bei sich hat. Näher beschrieben sind die Funde in den Anfragen nicht. In den wenigsten Fällen wird, so unterstellen wir, jemand vorgehabt haben jemanden zu bedrohen oder zu verletzen.

Bei 1387 Kontrollen wurden 57 Verstöße festgestellt. Das heißt, dass bei 95,9 % NICHTS gefunden wurde. In dem Zeitraum wurden neunzehn Bußgeldverfahren zu 60 €, drei zu 90 €, zwei zu 120 € und zwei zu 150 € eingeleitet. Diese 60€ sind Zeichen dafür, dass man einfach nur bestraft, weil es die Verordnung halt vorsieht, nicht, weil die Person irgendwas „schlimmes“ vorhatte. Das ist eine wirklich klägliche Bilanz.

Ein falscher Schluss wäre, die Zahl damit zu erklären, dass sich jetzt alle Bürger*innen brav an die Verordnung halten und darum nur so wenig gefunden wird. Die präventive Wirkung kann nicht abschließend ermittelt oder beurteilt werden. Menschen, die meinen ihre Schere oder ihr Taschenmesser zu brauchen und sich damit auch in der WVZ aufhalten, hält das ja nicht ab. Und auch nicht diejenigen, die mit „richtigen“ Waffen herumlaufen. Es bestraft nur, falls sie entdeckt werden. Da sollten uns eher mit Kriegs- und Schusswaffen ausgestattete Nazi-Netzwerke besorgen, oder dass die Polizei und Bundeswehr ihre Waffen ständig „verliert“.

Klar ist, dass die WVZ absolut ungeeignet ist das Viertel sicherer zu machen. Sicherheit erhält man nicht durch Polizeipräsenz und Repression. Die eigentlich nicht existenten „Erfolge“, die vielleicht in dem Fund der einen Schusswaffe oder ein paar Messern liegt, stehen außer Verhältnis zu den zahlreichen Grundrechtseingriffen, der Überwachung, der autoritären Maßnahmen, die unsere Demokratie aushöhlen. Wenn ein staatliches Mittel ungeeignet oder unverhältnismäßig ist, dann ist es verfassungswidrig und gehört sofort beendet.

Wir fordern darum die sofortige Außerkraftsetzung der WVZ-Verordnung, eine Stärkung solidarischer und kulturschaffender Projekte im Eisenbahnstraßenviertel und sozialstaatliche Absicherung für alle!

1 Der Text stellt eine aktualisierte Version unserer Zwischenbilanz dar (https://copwatchleipzig.home.blog/zwischenbilanz/).
2 Die Eingriffsbefugnisse richten sich nach dem Polizeigesetz zur Gefahrenabwehr und, wenn es einen Verdacht einer Straftat gibt, der Strafprozessordnung. Mit dem neuen SächsPolG werden anlasslose Kontrollen in WVZ nun direkt ermöglicht.
3 Vgl. § 8 Satz 1 SächsPolG
4 https://kleineanfragen.de/sachsen/6/18661-ueberpruefung-des-nichtzugriffsbereiten-transports-von-waffen-und-gefaehrlichen-gegenstaenden-in-der-waffen-und
5 Klassismus ist die strukturelle Diskriminierung armer und prekarisierter Menschen.
6 Bei dem Mitführen von Scheren kommt es vor allem auf die Umstände (sprich das Wohlwollen der Beamt*innen an: https://kleineanfragen.de/sachsen/6/18166-scheren-als-gefaehrliche-gegenstaende-in-waffenverbotszonen-nachfrage-zur-kleinen-anfrage-in-drs-6-17829
7 People of Color sind alle Menschen mit Rassismuserfahrungen.
8 https://kleineanfragen.de/sachsen/6/17530-kontrollen-zur-einhaltung-der-waffenverbotszone-in-leipzig-april-2019-aktualisierung-der-kleinen-anfrage-in-drs-6
9 https://kleineanfragen.de/sachsen/6/17866-kontrollen-zur-einhaltung-der-waffenverbotszone-in-leipzig-mai-2019-aktualisierung-der-kleinen-anfrage-in-drs-6
10 https://kleineanfragen.de/sachsen/6/18175-kontrollen-zur-einhaltung-der-waffenverbotszone-in-leipzig-juni-2019-aktualisierung-der-kleinen-anfrage-in-drs-6
11 https://kleineanfragen.de/sachsen/6/18544-kontrollen-zur-einhaltung-der-waffenverbotszone-in-leipzig-juli-2019-aktualisierung-der-kleinen-anfrage-in-drs-6
12 http://edas.landtag.sachsen.de/viewer.aspx?dok_nr=18760&dok_art=Drs&leg_per=6&pos_dok=&dok_id=259148
13 http://edas.landtag.sachsen.de/viewer.aspx?dok_nr=65&dok_art=Drs&leg_per=7&pos_dok=1&dok_id=undefined

Demo gegen die Waffenverbotszone und für soziale Sicherheit

plakat1711Beginn im Rabet – Hildegardstraße – Eisenbahnstraße – Otto-Runki-Platz

Abschluss mit Konzert (Schmutz Records und Revulva)

 

Wir wünschen uns eine Demo, die anschlussfähig für alle (Anwohner*innen der Eisenbahnstraße) ist. Darum wollen wir jede Art von Eskalation vermeiden. Gerade von Rassismus betroffene Personen, Familien und alle, die ungern Probleme mit der Polizei bekommen wollen, sollen genauso Teil unserer Meinungskundgabe sein.

Waffenverbotszone abschießen – soziale Sicherheit stärken!

*English below*

 

Die Waffenverbotszone (WVZ) im Kiez um die Eisenbahnstraße hat, statt das kollektive Sicherheitsgefühl zu stärken, den Alltag der Menschen durch permanente Überwachung und Diskriminierungserfahrungen erschwert. Im November beginnt die „Evaluationsphase“, in der Bilanz über den Nutzen der WVZ gezogen werden soll.

Wir, ein Bündnis aus Anwohner*innen und lokale Initiativen, sind der Überzeugung, dass sie als Instrument autoritärer Sicherheitspolitik keine Verlängerung erfahren darf!

Mit den folgenden 10 Forderungen wollen wir unserer Kritik an der WVZ Ausdruck verleihen. Dem ihr zugrunde liegenden rechten Sicherheitsbegriff werden wir unsere Vorschläge zu sozialer Sicherheit entgegensetzen, die sich an den Bedürfnissen aller im Viertel lebender Menschen orientiert.

Wir rufen alle, die diese Forderungen unterstützen, dazu auf, eigene Veranstaltungen und Aktionen unter dem Label #WVZabschießen zu machen!

1. Gegen den autoritären Rechtsruck in Staat und Gesellschaft!

Die WVZ ist die Antwort auf die mit Ängsten aufgeladene Erzählung einer besonderen „Gefährlichkeit“ der Eisenbahnstraße. Immer wieder werden „Sicherheitsproblematiken“ mit rassistischer Stimmungsmache gegen Geflüchtete und Migrant*innen verknüpft, während die sozialen und ökonomischen Hintergründe von Kriminalität verschleiert werden. Die Erzeugung einer „Gefährlichkeit“ dient als Legitimationsgrundlage für die Einführung und Normalisierung schärferer staatlicher Überwachungsmaßnahmen, dem Abbau von Rechtsstaatlichkeit und grundrechtswidriger Kontrollpraktiken.

2. Verfassungswidrige Rechtsgrundlage der „Gefährlichen Orte“ aus dem Polizeigesetz streichen!

Die Eingriffsbefugnis der Polizei zu verdachtsunabhängigen Kontrollen in der WVZ ist die juristische Einstufung der Eisenbahnstraßengegend als „Gefährlicher Ort“¹. Wir halten diese Rechtsgrundlage für verfassungswidrig². Die Einstufung liegt ganz im Ermessen der Polizei und ist weder nachvollziehbar, noch gerichtlich angreifbar. Damit ist man der Definitionshoheit der Polizei absolut ausgeliefert. Diese Qualität von Grundrechtseingriffen wird rechtsstaatlichen Ansprüchen nicht gerecht. Desweiteren wird die “Suche nach Personen ohne Aufenthaltstitel” ermöglicht, was einen Freifahrtsschein für racial profiling darstellt.

3. Die rassistische und klassistische Kontrollpraxis der Polizei beenden!

Bei einer „verdachtsunabhängigen Kontrolle“ bedient sich die Polizei bestimmter Muster, um „effizient“ agieren zu können. Dabei bedient sie sich – bewusst oder unbewusst – Stereotypen von „kriminellen Menschen“, um ihre Kontrollpraxis zu rechtfertigen. Die Anknüpfung an das Aussehen, wie Hautfarbe, vermeintliche Herkunft oder Religion (Racial Profiling), sowie unterstellte Armut oder Drogenkonsum (klassistisch motivierte Kontrolle) ist unzulässig und doch gängige Praxis.

4. Das rechtswidrige Verhalten der Polizei muss aufhören! Gegen jede Polizeigewalt!

Auch war zu beobachten, dass Polizist*innen bei den Kontrollen teilweise äußerst gewaltsam vorgingen, außerhalb der WVZ mit einer falschen Begründung kontrollierten und sich kollektiv weigerten, die Dienstausweise pflichtgemäß zu zeigen. Wir sind jedoch nicht bereit hinter den Minimalkonsens unserer demokratischen Rechte zurückzugehen.

5. Schluss mit unverhältnismäßigen Grundrechtseingriffen!

Wir halten die WVZ-Verordnung für unverhältnismäßig und damit verfassungswidrig.

Sofern zwar ein legitimes Ziel, die Verhinderung der viel beschworenen “Gewaltkriminalität”, vorliegt, erweist sich eine höhere Kontrolldichte und Androhung von Strafe als ungeeignetes Mittel. Eine abschreckende Wirkung für Menschen, die wirklich mit Verletzungsabsicht einen “gefährlichen Gegenstand” im Gebiet mitführen, kann nur in wenigen Fällen angenommen werden und wurde von der zuständigen Behörde nicht empirisch belegt. Die Ergebnisanalyse (https://copwatchleipzig.home.blog/zwischenbilanz/) hat erwiesen, dass der enorme Aufwand, den die Polizei betrieben hat, um „Waffen“ und “gefährliche Gegenstände” zu finden, in der überwältigenden Mehrzahl der Fälle (ca. 96 %) erfolglos geblieben ist.³ Aufgrund der hohen Streubreite der Grundrechtseingriffe (viele Unschuldige sind betroffen) erscheint dieses Mittel demnach auch als unangemessen.

6. Keine Verdrängung marginalisierter Gruppen aus dem Viertel!

Keine Gentrifizierung des Leipziger Ostens!

Nachdem das Viertel von Investor*innen als attraktiver Ort entdeckt wurde, ist eine zunehmende Verdrängung ansässiger prekarisierter Menschen zu beobachten. Nicht nur steigende Mieten und der Angriff vieler selbstverwalteter linker und kulturschaffender Projekte durch Kündigung von Mietverträgen tragen dazu bei. Besonders für Betroffene von Rassismus und Klassismus wird der Kiez um die Eisenbahnstraße zum Ort der allgegenwärtigen Gefahr einer Polizeikontrolle und den repressiven Folgen. Prekarisierte, Menschen ohne Aufenthaltstitel, Drogenkonsument*innen und Wohnungslose werden so in andere Viertel am Stadtrand oder an weniger sichtbare Orte verdrängt, in denen für sie erfahrbare Gewalt und Diskriminierung meist ungesehen bleibt.

7. Soziale Strukturen brauchen öffentliche Orte – für eine Stadt für alle!

Die WVZ sorgt mit ihrer stigmatisierenden Wirkung dafür, dass Menschen nicht mehr zu sozialen und kulturellen Projekten im Viertel kommen, entweder aus Angst vor den angeblich “Kriminellen” oder vor der Polizei. Dies betrifft vor allem Angebote für Kinder, Jugendliche und ältere Menschen. Den Stadtteilpark „Rabet“, eigentlich der Ort mit dem regsten interkulturellen und intergenerationellen Austausch, meiden nunmehr viele stigmatisierte oder verunsicherte Menschen aufgrund intensiver Bestreifung und Überwachung.

8. Keine Täter*in-Opfer-Umkehr – Für die Möglichkeit zur Selbstverteidigung!

Sexuelle, homophobe, trans*feindliche sowie rassistische oder antisemitische Übergriffe passieren auch auf der Eisenbahnstraße. Meistens kann die Polizei da nicht sofort unterstützen. Auch haben viele Betroffene Erfahrungen mit dem Hinzurufen der Polizei gemacht, die von ihnen als kaum hilfreich, der jeweiligen Situation unangemessen oder gar gewaltförmig und diskriminierend wahrgenommen wurden. Durch das Verbot von Pfefferspray in der WVZ wird es vielen von Gewalt bedrohten Personen verunmöglicht sich selbst zu verteidigen. Dies erhöht ihr Unsicherheitsgefühl ungemein, da sie von Opfern zu Täter*innen gemacht werden.

9. Soziale Lösungen für soziale Probleme!

Die Problematiken im Viertel müssen auf sozial vielfältige, langfristige und nachhaltige Weise angegangen werden, um nicht bei bloßer Phänomenbekämpfung zu verharren und damit Folgeprobleme zu erzeugen. Priorität sollte auf der Stärkung sozialer, kultureller und selbstorganisierter Projekte liegen, indem diesen Planungssicherheiten, Räume und Kapazitäten ermöglicht werden. Soziale Lösungsansätze für Probleme wie Armut, Substanzabhängigkeit und Wohnungslosigkeit sind die Grundlage für eine soziale Sicherheit, welche Kriminalität grundlegender vorzubeugen vermag. Wir fordern daher mehr Anlaufstellen für Betroffene für Gewalt, sozialen Wohnungsbau, kostenlose Unterkünfte für Wohnungslose und einen Drogenkonsumraum im Leipziger Osten.

10. Gesamtkonzept Soziale Sicherheit statt polizeilicher Verfolgung!

Das Einzige, was das Experiment WVZ in Leipzig klar gezeigt hat, ist, dass die autoritäre Bearbeitung sozialer Probleme die Lage nicht verbessert, vielmehr noch verschlimmert oder verdrängt. Um das Sicherheitsgefühl der Menschen zu erhöhen, hilft es nicht, die Polizeipräsenz immer weiter auszuweiten und die Beamt*innen systematisch Grundrechtsbrüche vollziehen zu lassen. Wir möchten einen Dialog darüber anstoßen, was tatsächliche Bedarfe im Viertel lebender Personen sind.

Anstatt die Lösung für soziale Probleme im Gefahrenabwehr- und Strafrecht zu suchen und die Befugnisse der Polizei über rechtsstaatliche Grenzen hinaus auszuweiten, wäre es notwendig ein Gesamtkonzept „Sozioökonomische Sicherheit“ vorzulegen. Dieses sollte vor allem die Sicherheit derer in den Blick nehmen, die von gesellschaftlicher Ausgrenzung und diskriminierender Gewalt betroffen sind. Dazu gehört auch die gerechte Verteilung des Vermögens, ein Ende der restriktiven Asylpolitik und des Abbaus sozialstaatlicher Standards.

Unsere Waffe heißt Solidarität! – WVZ abschießen, soziale Sicherheit stärken!

Eine intensive und tiefgründige Analyse findet ihr außerdem hier: https://www.heise.de/tp/features/Waffenverbotszone-in-Leipzig-4548584.html?seite=all

1 Im neuen Polizeigesetz, welches mit Beginn des Jahres 2020 in Kraft tritt, werden verdachtsunabhängige Kontrollen direkt in Waffenverbotszonen erlaubt. Die Konstruktion von „Gefährlichen Orten“ gem. § 19 Abs. 1 S. 1 Nr. 2 SächsPolG (gültige Fassung bis Ende 2019) ist dann nicht mehr notwendig.

2 So auch ein juristisches Gutachten von KOP: https://kop-berlin.de/files/175

3 Die allermeisten Funde waren Alltagsgegenstände, die aufgrund der weiten Definition von „gefährlichen Gegenständen“ unter Strafe gestellt wurden.

English:

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WVZ Abschießen

Waffenverbotszone abschießen – soziale Sicherheit stärken!
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Arabisch: aufruf arab

Die Waffenverbotszone (WVZ) im Kiez um die Eisenbahnstraße hat, statt das kollektive Sicherheitsgefühl zu stärken, den Alltag der Menschen durch permanente Überwachung und Diskriminierungserfahrungen erschwert. Im November beginnt die „Evaluationsphase“, in der Bilanz über den Nutzen der WVZ gezogen werden soll.

Wir, ein Bündnis aus Anwohner*innen und lokale Initiativen, sind der Überzeugung, dass sie als Instrument autoritärer Sicherheitspolitik keine Verlängerung erfahren darf!

Mit den folgenden 10 Forderungen wollen wir unserer Kritik an der WVZ Ausdruck verleihen. Dem ihr zugrunde liegenden rechten Sicherheitsbegriff werden wir unsere Vorschläge zu sozialer Sicherheit entgegensetzen, die sich an den Bedürfnissen aller im Viertel lebender Menschen orientiert.

Wir rufen alle, die diese Forderungen unterstützen, dazu auf, eigene Veranstaltungen und Aktionen unter dem Label #WVZabschießen zu machen!

1. Gegen den autoritären Rechtsruck in Staat und Gesellschaft!

Die WVZ ist die Antwort auf die mit Ängsten aufgeladene Erzählung einer besonderen „Gefährlichkeit“ der Eisenbahnstraße. Immer wieder werden „Sicherheitsproblematiken“ mit rassistischer Stimmungsmache gegen Geflüchtete und Migrant*innen verknüpft, während die sozialen und ökonomischen Hintergründe von Kriminalität verschleiert werden. Die Erzeugung einer „Gefährlichkeit“ dient als Legitimationsgrundlage für die Einführung und Normalisierung schärferer staatlicher Überwachungsmaßnahmen, dem Abbau von Rechtsstaatlichkeit und grundrechtswidriger Kontrollpraktiken.

2. Verfassungswidrige Rechtsgrundlage der „Gefährlichen Orte“ aus dem Polizeigesetz streichen!

Die Eingriffsbefugnis der Polizei zu verdachtsunabhängigen Kontrollen in der WVZ ist die juristische Einstufung der Eisenbahnstraßengegend als „Gefährlicher Ort“¹. Wir halten diese Rechtsgrundlage für verfassungswidrig². Die Einstufung liegt ganz im Ermessen der Polizei und ist weder nachvollziehbar, noch gerichtlich angreifbar. Damit ist man der Definitionshoheit der Polizei absolut ausgeliefert. Diese Qualität von Grundrechtseingriffen wird rechtsstaatlichen Ansprüchen nicht gerecht. Desweiteren wird die “Suche nach Personen ohne Aufenthaltstitel” ermöglicht, was einen Freifahrtsschein für racial profiling darstellt.

3. Die rassistische und klassistische Kontrollpraxis der Polizei beenden!

Bei einer „verdachtsunabhängigen Kontrolle“ bedient sich die Polizei bestimmter Muster, um „effizient“ agieren zu können. Dabei bedient sie sich – bewusst oder unbewusst – Stereotypen von „kriminellen Menschen“, um ihre Kontrollpraxis zu rechtfertigen. Die Anknüpfung an das Aussehen, wie Hautfarbe, vermeintliche Herkunft oder Religion (Racial Profiling), sowie unterstellte Armut oder Drogenkonsum (klassistisch motivierte Kontrolle) ist unzulässig und doch gängige Praxis.

4. Das rechtswidrige Verhalten der Polizei muss aufhören! Gegen jede Polizeigewalt!

Auch war zu beobachten, dass Polizist*innen bei den Kontrollen teilweise äußerst gewaltsam vorgingen, außerhalb der WVZ mit einer falschen Begründung kontrollierten und sich kollektiv weigerten, die Dienstausweise pflichtgemäß zu zeigen. Wir sind jedoch nicht bereit hinter den Minimalkonsens unserer demokratischen Rechte zurückzugehen.

5. Schluss mit unverhältnismäßigen Grundrechtseingriffen!

Wir halten die WVZ-Verordnung für unverhältnismäßig und damit verfassungswidrig.

Sofern zwar ein legitimes Ziel, die Verhinderung der viel beschworenen “Gewaltkriminalität”, vorliegt, erweist sich eine höhere Kontrolldichte und Androhung von Strafe als ungeeignetes Mittel. Eine abschreckende Wirkung für Menschen, die wirklich mit Verletzungsabsicht einen “gefährlichen Gegenstand” im Gebiet mitführen, kann nur in wenigen Fällen angenommen werden und wurde von der zuständigen Behörde nicht empirisch belegt. Die Ergebnisanalyse (https://copwatchleipzig.home.blog/zwischenbilanz/) hat erwiesen, dass der enorme Aufwand, den die Polizei betrieben hat, um „Waffen“ und “gefährliche Gegenstände” zu finden, in der überwältigenden Mehrzahl der Fälle (ca. 96 %) erfolglos geblieben ist.³ Aufgrund der hohen Streubreite der Grundrechtseingriffe (viele Unschuldige sind betroffen) erscheint dieses Mittel demnach auch als unangemessen.

6. Keine Verdrängung marginalisierter Gruppen aus dem Viertel!

Keine Gentrifizierung des Leipziger Ostens!

Nachdem das Viertel von Investor*innen als attraktiver Ort entdeckt wurde, ist eine zunehmende Verdrängung ansässiger prekarisierter Menschen zu beobachten. Nicht nur steigende Mieten und der Angriff vieler selbstverwalteter linker und kulturschaffender Projekte durch Kündigung von Mietverträgen tragen dazu bei. Besonders für Betroffene von Rassismus und Klassismus wird der Kiez um die Eisenbahnstraße zum Ort der allgegenwärtigen Gefahr einer Polizeikontrolle und den repressiven Folgen. Prekarisierte, Menschen ohne Aufenthaltstitel, Drogenkonsument*innen und Wohnungslose werden so in andere Viertel am Stadtrand oder an weniger sichtbare Orte verdrängt, in denen für sie erfahrbare Gewalt und Diskriminierung meist ungesehen bleibt.

7. Soziale Strukturen brauchen öffentliche Orte – für eine Stadt für alle!

Die WVZ sorgt mit ihrer stigmatisierenden Wirkung dafür, dass Menschen nicht mehr zu sozialen und kulturellen Projekten im Viertel kommen, entweder aus Angst vor den angeblich “Kriminellen” oder vor der Polizei. Dies betrifft vor allem Angebote für Kinder, Jugendliche und ältere Menschen. Den Stadtteilpark „Rabet“, eigentlich der Ort mit dem regsten interkulturellen und intergenerationellen Austausch, meiden nunmehr viele stigmatisierte oder verunsicherte Menschen aufgrund intensiver Bestreifung und Überwachung.

8. Keine Täter*in-Opfer-Umkehr – Für die Möglichkeit zur Selbstverteidigung!

Sexuelle, homophobe, trans*feindliche sowie rassistische oder antisemitische Übergriffe passieren auch auf der Eisenbahnstraße. Meistens kann die Polizei da nicht sofort unterstützen. Auch haben viele Betroffene Erfahrungen mit dem Hinzurufen der Polizei gemacht, die von ihnen als kaum hilfreich, der jeweiligen Situation unangemessen oder gar gewaltförmig und diskriminierend wahrgenommen wurden. Durch das Verbot von Pfefferspray in der WVZ wird es vielen von Gewalt bedrohten Personen verunmöglicht sich selbst zu verteidigen. Dies erhöht ihr Unsicherheitsgefühl ungemein, da sie von Opfern zu Täter*innen gemacht werden.

9. Soziale Lösungen für soziale Probleme!

Die Problematiken im Viertel müssen auf sozial vielfältige, langfristige und nachhaltige Weise angegangen werden, um nicht bei bloßer Phänomenbekämpfung zu verharren und damit Folgeprobleme zu erzeugen. Priorität sollte auf der Stärkung sozialer, kultureller und selbstorganisierter Projekte liegen, indem diesen Planungssicherheiten, Räume und Kapazitäten ermöglicht werden. Soziale Lösungsansätze für Probleme wie Armut, Substanzabhängigkeit und Wohnungslosigkeit sind die Grundlage für eine soziale Sicherheit, welche Kriminalität grundlegender vorzubeugen vermag. Wir fordern daher mehr Anlaufstellen für Betroffene für Gewalt, sozialen Wohnungsbau, kostenlose Unterkünfte für Wohnungslose und einen Drogenkonsumraum im Leipziger Osten.

10. Gesamtkonzept Soziale Sicherheit statt polizeilicher Verfolgung!

Das Einzige, was das Experiment WVZ in Leipzig klar gezeigt hat, ist, dass die autoritäre Bearbeitung sozialer Probleme die Lage nicht verbessert, vielmehr noch verschlimmert oder verdrängt. Um das Sicherheitsgefühl der Menschen zu erhöhen, hilft es nicht, die Polizeipräsenz immer weiter auszuweiten und die Beamt*innen systematisch Grundrechtsbrüche vollziehen zu lassen. Wir möchten einen Dialog darüber anstoßen, was tatsächliche Bedarfe im Viertel lebender Personen sind.

Anstatt die Lösung für soziale Probleme im Gefahrenabwehr- und Strafrecht zu suchen und die Befugnisse der Polizei über rechtsstaatliche Grenzen hinaus auszuweiten, wäre es notwendig ein Gesamtkonzept „Sozioökonomische Sicherheit“ vorzulegen. Dieses sollte vor allem die Sicherheit derer in den Blick nehmen, die von gesellschaftlicher Ausgrenzung und diskriminierender Gewalt betroffen sind. Dazu gehört auch die gerechte Verteilung des Vermögens, ein Ende der restriktiven Asylpolitik und des Abbaus sozialstaatlicher Standards.

Unsere Waffe heißt Solidarität! – WVZ abschießen, soziale Sicherheit stärken!

1 Im neuen Polizeigesetz, welches mit Beginn des Jahres 2020 in Kraft tritt, werden verdachtsunabhängige Kontrollen direkt in Waffenverbotszonen erlaubt. Die Konstruktion von „Gefährlichen Orten“ gem. § 19 Abs. 1 S. 1 Nr. 2 SächsPolG (gültige Fassung bis Ende 2019) ist dann nicht mehr notwendig.

2 So auch ein juristisches Gutachten von KOP: https://kop-berlin.de/files/175

und https://www.heise.de/tp/features/Waffenverbotszone-in-Leipzig-4548584.html?seite=all

3 Die allermeisten Funde waren Alltagsgegenstände, die aufgrund der weiten Definition von „gefährlichen Gegenständen“ unter Strafe gestellt wurden.

Radio

Im Gespräch mit Radio Corax: https://www.freie-radios.net/98519

Bündnispartner*innen

Diese Forderungen und die Kampagne werden u.a. unterstützt von:

 

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Wohnprojekt Schlicht&Ergreifend

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Say it Loud e.V.

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Shoot down Waffenverbotszone – strengthen social security!

Instead of strengthening the collective feeling of security in the neighbourhood around the Eisenbahnstraße, the weapons prohibition zone (Waffenverbotszone= WVZ) has made people’s everyday lives more difficult through inadvertent violation of fundamental rights and experiences of discrimination. In November the “evaluation phase” begins, in which the benefits of the WVZ are to be assessed.

We, an alliance of residents and local initiatives, are convinced that as an instrument of authoritarian security policy it must not be extended!

With the following 10 demands we want to express our criticism of the WVZ. We will oppose the right concept of security on which it is based with our proposals on social security, which is oriented towards the needs of all people living in the neighbourhood.

We call upon all those who support these demands to organize their own events and actions under the label #WVZabschießen!

1. Against the authoritarian turn to the Right in state and society!

The WVZ is the practical conversion of the with fears loaded narrative of a special „dangerousness“ of the Eisenbahnstraße. Again and again, “security problems” are linked with racist propaganda against refugees and migrants, while the social and economic backgrounds of crime are concealed. The creation of a “dangerousness” serves as a basis of legitimacy for the introduction and normalisation of stricter state surveillance measures, the dismantling of the rule of law and control practices contrary to fundamental rights.

2. Delete the unconstitutional legal basis of “dangerous places” from the police law!

The authority of the police to intervene in suspicion-independent controls in the WVZ is the legal classification of the area as a “dangerous place”.¹ We consider this legal basis to be unconstitutional.² The classification is entirely in power of the police and is neither comprehensible nor open to legal challenge. Thus one is absolutely at the mercy of the police’s power of definition. Furthermore, the search for illegalized migrants is made possible, which represents a free pass for racial profiling.

3. End the racist and classist controlling practice of the police!

With a “suspicion-independent control” the police uses certain patterns in order to be able to act “efficiently”. It uses – consciously or unconsciously – stereotypes of “criminal people” to justify its control practice. The connection to appearance, skin colour, supposed origin or religion (racial profiling), as well as assumed poverty or drug consumption is inadmissible but common practice.

4. The illegal behaviour of the police must stop! Against any police violence!

It could also be observed that police(wo)men sometimes acted extremely violently during the checks, controlled outside the WVZ with a false reason and collectively refused to show their service cards as required. However, we will not give up our democratic rights as a minimum.

5. End the disproportionate violation of fundamental rights!

We consider the WVZ Regulation to be disproportionate and thus unconstitutional.

Even if there is a legitimate goal, the prevention of the much-cited “violent crime”, a higher amount of controls and threats of punishment proves is unsuitable. A deterrent effect for people who really carry a “dangerous object” in the territory with the intention of committing an infringement can only be assumed in a few cases and has not been empirically proven by the competent authority. The analysis of the results (https://copwatchleipzig.home.blog/zwischenbilanz/) has shown that the enormous effort made by the police to find “weapons” and “dangerous objects” has been unsuccessful in the overwhelming majority of cases (approx. 96%).³ Due to the wide range of fundamental rights violations, this means to be inappropriate.

6. No displacement of marginalized groups from the neighbourhood!

– Against the gentrification of the East of Leipzig!

After the quarter was discovered by investors as an attractive place, an increasing displacement of local precarious people can be observed. It is not only rising rents and the attack of many self-organized left-wing and cultural projects by terminating rental agreements that are contributing to this. Especially for those affected by racism and classism, the neighborhood around Eisenbahnstraße is becoming a place of omnipresent danger of police control and repressive consequences. Precarious people, undocumented migrants, drug users and homeless people are thus pushed into other neighbourhoods on the outskirts of the city or into less visible places where violence and discrimination they have to face remain potentially unseen.

7. Social structures need public places – for a city for all!

With its stigmatising effect, the WVZ ensures that people no longer come to social and cultural projects in the neighbourhood, either for fear of the alleged “criminals” or of the police. This applies above all to offers for children, young people and the elderly. The park “Rabet”, actually the place with the most active intercultural and intergenerational exchange, is now avoided by many stigmatised or insecure people due to intensive patrols and surveillance.

8. No perpetrators- victim-reversion: For the possibility of self-defence!

Sexual, homophobic, trans*phobic as well as racist or anti-Semitic attacks also happen on the Eisenbahnstraße. In most cases, the police cannot provide immediate support. Many affected people have also had experiences with calling the police, which they have perceived as hardly helpful, inappropriate to the respective situation and concern or even as additionally violent and discriminatory. The prohibition of pepper spray in the WVZ makes it impossible for many people threatened by violence to defend themselves. This increases their sense of insecurity tremendously, as they are turned from victims into perpetrators.

9. Social solutions for social problems!

The problems in the neighbourhood must be tackled in a socially diverse, long-term and sustainable way, so as not to remain merely concerned with combating phenomena and thus create consequential problems. Priority should be given to strengthening social, cultural and self-organized projects by providing them with planning security, space and capacities. Social solutions to problems such as poverty, addiction and homelessness form the basis for social security across all milieus, which is more capable of preventing crime fundamentally. We therefore call for more contact points, social housing, free places for homeless people and a drug consumption room in the East of Leipzig.

10. Overall concept of social security instead of police persecution!

The only thing that the WVZ experiment in Leipzig has clearly shown is that the authoritarian treatment of social problems does not improve the situation, but rather aggravates or represses it. In order to increase security in the neighbourhood, it does not help to expand the police presence further and further and to let the police systematically violate fundamental rights. We would like to initiate a dialogue on what the real needs in the neighbourhood of living persons are.

Instead of seeking solutions to social problems in prevention and criminal law and extending the powers of the police beyond the boundaries of the rule of law, it would be necessary to present an overall concept of “socio-economic security”. This should above all focus on the security of those affected by social exclusion and discriminatory violence. This also includes the fair distribution of property, an end to restrictive asylum policies and the dismantling of welfare state standards.

Our weapon is solidarity! – Shoot down WVZ, strengthen social security!

1 The new police law, which will enter into force at the beginning of 2020, allows suspicion-free controls directly in weapons prohibition zones. The construction of “dangerous places” in accordance with § 19 I S. 1 No. 2 SächsPolG (valid version until the end of 2019) will then no longer be necessary.

2 Thus also a legal appraisal of KOP: https://kop-berlin.de/files/175, https://www.heise.de/tp/features/Waffenverbotszone-in-Leipzig-4548584.html?seite=all

3 The majority of the finds were everyday objects which were punishable by the wide definition of “dangerous objects”.

Kiezfest Ost 10.8.2019

Pressemitteilung und Bilder: straßenfest PM
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KiezTreff Ost – Für eine Solidarische Nachbarschaft! Samstag, 10.08.2019, ab 15 Uhr.
Nach den Antiabschiebeprotesten von #le0907, #le1007 in der #Hildegardstraße in Leipzig, haben sich Anwohner*innen und linke Gruppen zusammen geschlossen, um ein Kiezfests zu veranstalten.
Hier ihr Open Call:

Open-Call: Helfer*innen, Acts, Material, Ideen, Übersetzungen,…

 

„KiezTreff Ost – Für eine Solidarische Nachbarschaft!“                                               

Samstag, 10.08.2019, 15 – 22 Uhr in der Hildegardstraße

 

Wir, einige Bewohner*innen des Kiezes um die Eisenbahnstraße, wollen die Ereignisse vom /09. Juli 2019/ in der /Hildegardstraße/ nicht einfach so stehen lassen. Unter dem Einsatz massiver verbaler und physischer Gewalt gelang es einem Großaufgebot der Polizei einen Menschen aus seiner Familie zu reißen – er war unser Nachbar. In dieser Nacht wurde sichtbar, was zu oft ungesehen bleibt: Behörden und Polizist*innen schieben in Deutschland alltäglich und konsequent Menschen ab.

Offensichtlich wurde in dieser Nacht jedoch auch die Bereitschaft vieler im Kiez lebender Menschen sich spontan zu Hunderten gegen dieses Unrecht zusammenzuschließen. Es war ein Zeichen milieu-übergreifender, nachbarschaftlicher Solidarität.

Wir sind überzeugt: Daran gilt es anzuknüpfen! Lasst uns zusammenkommen, um über die Ereignisse vom #0907 und über mögliche und existierende Formen des Zusammenhalts im Viertel zu sprechen.

Am *Samstag, den 10.08., 15 – 22 Uhr in der Hildegardstraße *wollen wir deshalb mit euch einen „*KiezTreff Ost – Für eine solidarische Nachbarschaft!“ *veranstalten.

Und nun seid ihr gefragt, eingeladen und aufgerufen: Es wird Gesprächsräume, Musik, Kinderspace, kulturelle und politische Workshops, ein Infozelt für Initiativen, Gruppen und Vereine sowie gutes Essen und Getränke gegen Spende geben. Das Angebot soll divers und einladend für möglichst viele Menschen im Kiez gestaltet sein.

Ihr seid oder kennt Übersetzer*innen, ihr möchtet diesen Open Call übersetzen? Ihr habt einen Input/Workshop oder Initiative/Gruppe, die hierbei nicht fehlen sollte? Ihr wollt euch zu einem Thema organisieren oder seid es schon und sucht nach neuen Leuten? Du willst nen Kuchen backen und gegen Spende verkaufen? Du magst einen Gesprächskreis moderieren oder hast Tontechnik zur Verfügung? Alles, was dir passend erscheint, kann ein stiftender Beitrag werden – schreib uns:

solidarischerkiez@riseup.net

Darüber hinaus wünschen wir uns dezentrale solidarische Teilhabe von Haus-, Kunst- und Ladenprojekten, Gruppen und Geschäften! Wir bitten euch, so selbstorganisiert wie möglich, Aktionen und Räume für diesen Tag zu kreiieren! Für diesen Tag der Solidarität und darüber hinaus. Für eine solidarische Nachbarschaft!

#le0907 #le1007

Eisenbahnstraße: Ein gefährlicher Ort. Für Abschiebungen.

Download (empfohlen): analyse_cw_0907_1007

Dieser Text ist der Versuch einer Analyse des Protestes gegen die Abschiebung vom #le0907 und #le1007. Wir wollen damit insbesondere das Verhalten der Polizei, ihre „Strategie“ und ihren Gewalteinsatz, die Folgen für die Demonstrierenden und das Viertel, sowie weiterführende Aktionen beleuchten. An dieser Stelle soll es nicht um eine generelle Kritik an Polizei und Abschiebung gehen, sondern um die konkrete Situation vom Dienstag- und Mittwochabend. Dabei greifen wir auf eigene Erlebnisse und Beobachtungen, sowie uns zur Verfügung gestellte Gedächtnisprotokolle und Zeitungs- und Medienberichte zurück.

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#le0907 #le1007

Eisenbahnstraße: Ein gefährlicher Ort. Für Abschiebungen.

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Dieser Text ist der Versuch einer Analyse des Protestes gegen die Abschiebung vom #le0907 und #le1007. Wir wollen damit insbesondere das Verhalten der Polizei, ihre „Strategie“ und ihren Gewalteinsatz, die Folgen für die Demonstrierenden und das Viertel, sowie weiterführende Aktionen beleuchten. An dieser Stelle soll es nicht um eine generelle Kritik an Polizei und Abschiebung gehen, sondern um die konkrete Situation vom Dienstag- und Mittwochabend. Dabei greifen wir auf eigene Erlebnisse und Beobachtungen, sowie uns zur Verfügung gestellte Gedächtnisprotokolle und Zeitungs- und Medienberichte zurück.

Analyse Dienstag, 09.07.19 und folgende Stunden

I. Verhalten der Polizei

    1. Durchführung der Abschiebung

Dass es bei Abschiebungen, die in der Bundesrepublik beinahe täglich stattfinden, zu Gewaltanwendung seitens der Polizei kommt, ist nichts Neues. Es ist die Aufgabe der Polizeibeamt*innen, „Recht“1 durchzusetzen, wenn nötig mit Gewalt. Wann die Notwendigkeit besteht, liegt im Ermessen der Beamt*innen und dieser Entscheidung sind die Betroffenen schutzlos ausgeliefert2. Die Gewalt, die in das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit eingreift, muss jedoch stets verhältnismäßig sein, darf hier also nicht außer Verhältnis zum bezweckten Ziel der Abschiebung, stehen. Dass die Durchführung nur unter massiver Gewaltanwendung seitens der Polizei möglich sein würde, war schon wenige Minuten nach Beginn klar, als sich die Aktivist*innen vor das Polizeiauto auf die Straße setzten, spätestens aber als sich ca. 500 Menschen auf der spontan angemeldeten Versammlung befanden.

Die Beamt*innen zogen zur Ablenkung höchst gewaltvoll und willkürlich zwei Personen aus der Sitzblockade und verletzten diese. Um den abzuschiebenden 23-Jährigen Syrer in ein anderes Polizeiauto zu bringen, wendeten sie erneut Gewalt gegen ihn und die Demonstrierenden an. „Plötzlich wurde der 23-Jährige Kurde aus dem Auto gezerrt und BFE3 knüppelten sich in wenigen Augenblicken den Weg frei, zu einem eigens abgestellten Auto auf der Kreuzung Eisenbahnstraße. Dabei wurde massiv auf Abschiebegegner*innen geknüppelt, die sich ihnen in den Weg stellten oder einfach nur in der Nähe waren. Leute wurden niedergeschlagen und über Fahrräder geworfen.“4 Das Manöver der Polizei war „erfolgreich“. Zu welchem Preis? Die Mutter wurde schon vorher von einem Krankenwagen abgeholt und in Krankenhaus gebracht, weil sie beim Aufbrechen der Wohnungstür durch Beamt*innen verletzt wurde.

Unabhängig davon, dass die Ausländerbehörde auch das Selbsteintrittsrecht der BRD hätte geltend machen können, so dass die Dublin-Abschiebung nach Spanien auch rechtlich nicht geboten war5, war der Vollzug der Abschiebung unangemessen.
Jede*r einzelne Beamt*in hatte eine Wahl sich zu beteiligen. Das Recht zu Remonstrieren haben sie immer. Genutzt hat es augenscheinlich niemand – die zahlreichen Hinweise der protestierenden Menge hin oder her.

Diese Abschiebung wurde unserer Meinung nach nicht durchgeführt, weil sie rechtmäßig war. Sie wurde von der Polizei mit aller Härte vollstreckt, weil sie ihre Macht, das Gewaltmonopol und ihre Autorität, von der Zivilgesellschaft nicht infrage gestellt wissen wollte. Das lehnen wir als zutiefst undemokratisch ab.

Die Verselbstständigung der Polizei als politischer Akteur, die Missachtung von Grundrechten (hier u.a. Art. 2 I, II, 8 I GG) und die bewusst unverhältnismäßige Gewaltanwendung sind Anzeichen einer autoritären Entwicklung, die wir uns nicht gefallen lassen.

    1. Durchsetzung des „Entfernungsgebots“ bzw. der „Platzverweise“6

Nachdem Zweifel ausgeräumt waren, ob sich die abzuschiebende Person noch im Wagen befinde, wurde die Versammlung für aufgelöst erklärt. Aufgrund unzureichender technischer Mittel und der großen Anzahl Demonstrierender, war dies zunächst nicht für alle hörbar. Daraufhin beendete der Versammlungsleiter die Kundgebung mit Hilfe eines Megaphones der Polizei.
Dass die Versammelten sich „sofort“7 nach Beendigung zu entfernen zu haben, bedeutet allerdings nicht, dass die Polizei sie unmittelbar aus dem Weg prügeln darf. Die hohe Bedeutung der Versammlungsfreiheit für die Demokratie gebietet es, dass eine Versammlung selbstbestimmt beendet werden darf und nicht durch Drängeln der Polizei8. Sie hätte, unter Rückgriff auf das Polizeigesetz, Platzverweise an alle erteilen müssen9 und diese dann vollstrecken. Doch dafür lag die notwendige Voraussetzung der „Gefahr für öffentliche Sicherheit“ nicht vor. Alle Demonstrierenden waren friedlich, es gab keine Angriffe auf Beamt*innen oder sonst irgendwelche gefährdende Handlungen.
Jedoch keine fünf Minuten nach dieser Durchsage begann die Polizei jedoch die Demonstrierenden weg zu drängen, zu schubsen, treten und schlagen10.

Dies führte zu einer vermeidbaren und unnötigen Eskalation: Das Ziel der Demonstrierenden, die Abschiebung durch eine Blockade zu verhindern, konnte wegen des unverhältnismäßigen und erschütternden Manövers der Polizei nicht erreicht werden. Es war offensichtlich zu erwarten, dass sich die Anwesenden nach und nach entfernen, immerhin war es kurz nach 1:30 nachts und viele waren seit Stunden vor Ort. Bis zu diesem Zeitpunkt gab es zwar ein paar angespannte Momente, doch die Stimmung war friedlich, gemeinschaftlich, es gab viele Rufchöre, aber keinerlei körperliche Übergriffe auf die Beamt*innen. Auch stellte die Blockade des Polizeibusses keine Straftat dar. Mit einem Rückzug der Beamt*innen und einer geduldigen, kompromissbereiteren Haltung wären alle ihrer Wege gegangen und die Eskalation hätte vermieden werden können. Jedoch lag der Fehlentscheidung der Polizei zur zwanghaften Durchsetzung wieder einmal eine falsche Gewichtung von Rechtsgütern zugrunde: Sie wollte unbedingt und unverzüglich ihr Einsatzfahrzeug aus der Menge holen und stellte so den Materialwert eines Autos und ihre Autorität über die demokratischen Rechte, insbesondere der körperlichen Unversehrtheit derjenigen, die sich stundenlang friedlich und humanistisch verhalten haben.

    1. Polizeiapparat

Wenn man uns folgt und beide Schlüsselentscheidungen der Polizei an diesem Abend für falsch (also rechts- bzw. verfassungswidrig) hält, stellt sich folgende Frage: Sind alle eingesetzten Beamt*innen von den Befehlen der Einsatzleitung und der Richtigkeit ihres Handelns absolut überzeugt? Halten sie es für vereinbar mit demokratischen Grundwerten, Familien mitten in der Nacht gewaltsam auseinander zu reißen? Oder ist der soziale Druck innerhalb der Polizei so hoch, dass sich niemand dagegen zu stellen traut seine/ihre Einschätzung, die polizeiliche Maßnahme sei unangemessen, „nach oben“ zu kommunizieren? Sind womöglich die Hierarchien so streng, dass geäußerte Kritik der rangniedrigeren Beamt*innen von der Einsatzleitung überhaupt nicht berücksichtigt wird? Vielleicht bringt ja dazu das Gespräch11 des Netzwerkes „Leipzig nimmt Platz“ mit dem Leipziger Polizeipräsidenten etwas Licht ins Dunkel.

II. Polizeigewalt

Zur Durchsetzung des Entfernungsgebotes wendete die Polizei zunächst einfache körperliche Gewalt gegen die um das Polizeiauto Herumstehenden an und schubsten sie in Richtung des westlichen Bürgersteigs. Entgegen der Darstellung der Polizei wurde von vielen die Androhung der Anwendung des unmittelbaren Zwanges nicht vernommen. Selbst wenn man annimmt, dass einfacher körperlicher Zwang (Schubsen, leichtes Drücken) noch angemessen gewesen wäre, ist der Einsatz von Schlagstöcken, Reizgas (von dem die Betroffenen auch noch am nächsten Tag benommen waren) und Pfefferspray als Hilfsmittel absolut nicht geboten gewesen.

    1. Entgrenzte Gewalt der Polizei

Triggerwarnung: Im Folgenden werden Szenen der Gewalt beschrieben.
Diese Darstellung
en decken sich mit anderen Zeug*innenaussagen, Videos und unseren Beobachtungen.

Die Polizei steigerte ihre Vehemenz und Aggressivität gegenüber den Demonstrierenden unmittelbar. Ein Augenzeuge berichtet: „Sie [die Polizei, Anm. d V.] bildeten eine oder mehrere Ketten und schubsten die Demonstrierenden auf die andere Straßenseite und versuchten sie durch die parkenden Autos der Hildegardstr.–Westseite hindurch zu drücken. Die Demonstrierenden wurden so vehement gegen die Autos gedrückt. Dabei wurde ein*e Aktivist*in auf den Boden gezogen und vermutlich drangsaliert (ich vernahm nur die Schreie). Viele kamen nicht weg zwischen der Polizei und den Autos. Einzelnen Demonstrierenden wurde dabei – besonders von einem mir ersichtlichen aber nicht genau zu beschreibenden Polizisten – immer wieder ohne Anlass und Warnung ins Gesicht geschlagen, was laute Schreie und Wut auslöste. Aus der hinteren Polizeikette wurde zeitgleich gezielt Pfefferspray/Reizgas auf die Demonstrierenden und Schreienden gesprüht. Explizit und gezielt direkt in die Augen Einzelner. Erst dadurch(!) und erst nach(!) der eskalierenden und beginnenden Gewalt der Polizei brach Panik, Ohnmacht und größere Wut aus und die Situation spitzte sich zu. Vorher gab es keine Flaschenwürfe oder sonstiges gegen die Polizei. Menschen flohen nun in Häusereingänge, Schreie und Lärm war zu hören. Mehr konnte ich dann nicht mehr wahrnehmen, da ich blind und panisch fliehen musste.“

Im Video ab Sek. 34 ist z.B. zu sehen, dass die Polizei massiv Gewalt gegen Menschen anwendet, die ihr abgewandt stehen und von denen keinerlei Angriffe ausgehen. Diese lassen sich bereitwillig wegschubsen und bewegen sich von der Polizei weg, versuchen sogar einen Weg durch die Lücken der Autos hindurch zu finden: https://twitter.com/LeftvisionClips/status/1149055503445757956 (aufgerufen am 12.07.2019)

„Da ich mein Fahrrad in der Hand hatte, erkannte ich schnell, dass ich keine Chance mehr habe, weg zu rennen. Ich blieb stehen, lehnte das Fahrrad an mich an und erhob meine beiden Armen, um der Polizei zu signalisieren, dass ich unbeteiligt war, mich ihnen nicht entgegenstellen werde und hier nur in Mitten des Bürgersteigs stehe, weil ich nicht im Stande bin, wegzulaufen. Ich hoffte, dass die beteiligten Polizist_innen die nötigen Kompetenz besaßen, um meine Situation und meine Motivation zu erkennen und mich deswegen von der Anwendung körperlicher Gewalt zu verschonen. Dass ich damit falsch lag, musste ich erkennen, als mich der erste Polizist, der auf mich erreichte mit einem heftigen Stoße samt Fahrrad zu Fall brachte. Ich fiel vom Bürgersteig auf die Straße und wollte sofort wieder aufstehen, weil ich Angst davor hatte, von vorbeirennenden Polizist_innen getreten zu werden. Ich war gerade dabei, mich aufzurichten, da landete ein Faust in meiner rechten Gesichtshälfte. Ich strauchelte einige Meter nach hinten und geriet mitten auf die Straße. Mein Fahrrad gab ich auf und versuchte mich irgendwie weiter in Richtung Konradstraße zu bewegen. Dabei bekam ich durch vorbeirennende Polizisten 2-3 weitere Schläge ins Gesicht. Ein Polizist nahm mich in den Schwitzkasten und zog mich einige Meter mit. Dann stieß er mich weg. Ein weiterer Polizist drückte mich daraufhin gegen ein am linken Straßenrand geparktes Auto. Ich schrie ihn an, weshalb er das tut, dass ich doch gar nichts gemacht habe und dass ich doch nur von hier weg möchte. Er brüllte mir daraufhin ins Gesicht: „Weil du es verdient hast! Weil du mich provozierst, du Arsch! Weil du mich provozierst! Hau einfach ab! Verpiss dich!“. Dann rannte er weiter. Danach kamen zum Glück keine weiteren Polizist_innen nach und ich konnte mich, total unter Schock stehend, auf die Konradstraße begeben.“

Weiterhin wurden Menschen rassistisch und sexistisch beleidigt und es kam zu einer Verfolgung von Demonstrierenden durch einzelne Beamt*innen oder größere Gruppen, die in Medien als „Jagdszenen“ beschrieben werden: https://twitter.com/808jehovah/status/1148748454224699392 (aufgerufen am 12.7.2019)

    1. Angriffe auf Presse(freiheit)

Die Polizei trat außerdem mit Füßen und schlug mit Fäusten und Schlagstock am Boden Liegende, Unbeteiligte, deutlich als Pressevertreter*innen erkennbare Menschen.

Siehe Videos:
https://twitter.com/m3sba/status/1148754140736172032 (aufgerufen am 12.7.2019)
(insbes. 1:25 min): https://twitter.com/BoehmeMarco/status/1148797094347628545 (aufgerufen am 12.7.2019)

„Die Polizei versucht sich ihren Weg zu bahnen und geht dabei mit einer Härte vor, die ich so sehr lange nicht mehr erlebt habe. Ich selbst, so wie eine weitere Pressevertreterin, die neben mir steht, werden in diesem Moment von einer Gruppe Polizisten mehrfach in einer Härte geschubst, dass wir schließlich fallen und in der Menge landen. Umstehende Passant*innen versuchen, uns aufzuhelfen, die Situation ist unübersichtlich. Weiter die Straße herunter werden Umstehende von der Polizei zwischen zwei Autos geschubst, eine Frau liegt auf der Motorhaube und bekommt keine Luft. Die Gesichter der Menschen sind vor Panik verzerrt.“12

    1. Verletzte Demonstrant*innen

Die genaue Anzahl an verletzten Demonstrant*innen ist noch nicht ermittelt. Zum Zeitpunkt der Eskalation befanden sich zwischen 150 und 200 Personen im betreffenden Bereich. Gänzlich verschont blieben die wenigsten. Augenzeug*innen berichten von mehreren Dutzend, die durch Pfeffer/Reizgas verletzt wurden. Weiterhin gab es Dutzende Verletzte durch Schläge und Tritte, Bewusstlose, mindestens einen gebrochenen Oberschenkel durch Tritte, Platzwunden, Prellungen und viele offene Wunden. Eine Person musste wegen einem Schädel-Hirn-Trauma 24 Stunden lang im Krankenhaus behandelt werden – sie wurde hinterrücks mit einem Schlagstock niedergeschlagen. Mindestens drei weitere Personen mussten ins Krankenhaus.
Hinzu kommen zahlreiche, die durch Beleidigung, Erniedrigung, Übelkeit, Panik und Stürze beim Wegrennen als verletzt gelten.

Polizeigewalt ist (vor allem für People of Colour 13) ein präsentes Problem. Mehr darüber erfahrt ihr bei unseren Workshops: https://copwatchleipzig.home.blog/dates/

    1. Informationen der Polizei und Delegitimationsmethoden

11 Beamt*innen seien, laut Polizei, verletzt worden14. Es ist bei dieser Zahl nicht klar, ob diese Verletzungen durch Fremdeinwirkung (durch Demonstrierende) verursacht wurden. Es könnte also genau so gut sein, dass jemand sein eigenes Pfefferspray eingeatmet hat, sich beim Schlagen die Hand verknackst oder beim Hinterherjagen den Fuß umgeknickt hat. Diese Zahlen werden polizeiintern erhoben und können kaum überprüft werden, da es an unabhängigen Instanzen zur demokratischen Kontrolle der Polizei fehlt. Üblicherweise werden solche Verletztenzahlen jedoch unkritisch von Journalist*innen übernommen, wodurch die Deutungshoheit der Polizei blind gestützt wird.

Dazu kommt die alte Methode der Delegitimierung unseres Protestes durch die verzerrende Schlagzeile, dass Beamt*innen mit Flaschen und Steinen beworfen worden sein. Dies ist ein gängiges Mittel, um große Empörung in der Bevölkerung auszulösen. Eine Auseinandersetzung mit den Ursachen der Gewalt und den Gründen für den Protest findet dabei nicht statt.

    1. Willkürliche Verhaftung

Nachdem sich die Lage schon beruhigt hatte und sich die meisten Menschen entfernten, nahm die Polizei ohne erkennbaren Grund einen migrantisch gelesenen Mann fest. Zeug*innen schildern, die Polizei sei mit drei zuvor an der Polizeiwache „Info-Center“ geparkten Autos an die Haltestelle Hermann-Liebmann/Eisenbahnstraße vorgefahren und hätte ihn mit Gewalt und „entführungsähnlich“ von der Bank, auf der er mit einer anderen Person saß, in den Wagen gezerrt. Mit hoher Geschwindigkeit rasten sie anschließend stadtauswärts. Dieses Vorkommnis wurde von mehreren Zeug*innen unabhängig beschrieben. Wir vermuten, dass es sich um eine der beiden Person in U-Haft handelt.
Sollte die Polizei wirklich ohne Rechtsgrundlage und Anlass diese Person gewaltvoll in Gewahrsam genommen haben, ist das an Willkür und Rechtswidrigkeit kaum zu übertreffen. Und doch ist diese Technik, Einzelne (ggf. Unbeteiligte) aus der Menge ziehen und für alles verantwortlich machen, bei der deutschen Polizei sehr beliebt. Der einschüchternde und abschreckende Effekt solcher Repression ist offensichtlich. Direkt betroffen ist hierbei eine einzelne Person – gemeint sind wir alle.

III. Angriffe von Rechts

Auch abgesehen von den eingesetzten Beamt*innen (erinnere: in den Reihen der sächsische Polizei stehen viele Menschen mit rechter Gesinnung) gab es Angriffe von rechts. Marco Böhme, MdL für die LINKE, erhielt Morddrohungen, weil er sich gegen Abschiebung engagierte. Weiterhin wurden faschistische Zeichen der vorbeilaufenden Demo am 10.7. gezeigt (eine Anzeige wurde aufgegeben).

Der Tag danach, Mittwoch 10.07.2019

I. Geschehen

Spontan organisierten Anwohner*innen eine Kundgebung am Ort des Geschehens. Bis zu 1000 Menschen folgten dem Aufruf zum solidarischen Cornern15. Es wurde Musik gespielt und Redebeiträge gehalten. Besonders bewegend war zu hören, was die Mutter und der Vater des Abgeschobenen erzählten16.
Nach einer Weile wird sich entschlossen eine Strecke durchs Viertel zu laufen.
Am Otto-Runki-Platz wird die Versammlung durch die Polizei aufgelöst, weil eine Behinderung des Straßenbahnverkehrs durch Personen auf der Straße zu befürchten war.
Im Zuge dessen entfernen sich alle Teilnehmer*innen von der Straße. Viele verlassen den Bereich rund um die Haltestelle Einertstraße. Einige Personen lassen sich zum Cornern auf den Gehwegen und in dem Park beim Otto-Runki-Platz nieder. War die Polizeipräsenz am Anfang der Kundgebung noch zurückhaltend, kommen in den folgenden Stunden immer mehr Polizist*innen zum Ort des Geschehens – einige wieder in entsprechender paramilitärischer Erscheinung, genau wie am Vorabend. Ein Helikopter kreiste am Himmel. Gegen 22 Uhr kann man von einer 1:1-Betreuung der cornernden Personen durch Polizist*innen sprechen. Alle verhalten sich friedlich. Abgesehen von der übertriebenen Polizeipräsenz ist die Stimmung entspannt. Dennoch wird nach einiger Zeit ein Kessel um eine Gruppe (29 Personen), die im Park saßen, gebildet. Selbst ein vorgezeigter Schwerbehindertenausweis hält die Polizist*innen nicht davon ab, alle Personen festzuhalten und ID-Behandlungen durchzuführen17.

II. Sinnlose Machtdemonstration
Der Abend ist als eine sinnlose Machtdemonstration der Polizei einzuordnen. Platzverweise fürs Sitzen auf dem Gehweg (was auf der Eisenbahnstraße zur „Kiezkultur“ gehört und das Bild des Viertel prägt), Einkesselung und ID-Behandlung ohne erkennbaren Grund und Gefahr, sowie rassistische Beleidigungen durch die Polizei. Grundrechtsverletzungen, selbstzweckhafte Handlungen und autoritäre Symbolpolitik, sowie nicht zuletzt der sinnlose und teure Einsatz eines Polizeihubschraubers (der laut Polizei notwendig war, da sich einige Personen auf eine Straßenkreuzung gesetzt hätten18) – all das ist als unnötige Provokation der Anwohner*innen des Viertels zu werten, deren Vertrauen in die Polizei einen weiteren Tiefpunkt erreicht. „Aufstandbekämpfung ohne Aufstand“ – hat jemand treffend über den vorherigen Tag getitelt. Wieder zeigt sich die Inkompetenz und der Unwille der Polizei, im Rahmen demokratischer Rechte zu agieren. Und wieder zeigt sich das problematische Selbstverständnis der sächsischen Polizei, Kritiker*innen im Zweifel einzuschüchtern und demokratischen Protest brutal zu unterdrücken.

III. Solidarität des Viertels
Ziviler Ungehorsam ist die gezielte und begrenzte Regelüberschreitung seitens einer großen Anzahl von Menschen, um ein legitimes (moralisches) Ziel zu erreichen. Am Dienstag setzten sich zu Beginn ca. 30 Menschen vor und hinter das Polizeiauto, damit die (zwar rechtlich möglicherweise erlaubte, aber moralisch „falsche“) Abschiebung nicht durchgeführt werden konnte. Nur wenige der am Abend Anwesenden kannte den Abzuschiebenden. Viele kamen, weil ihnen selbst, ihren Freund*innen und Familien das gleiche droht. Viele kamen aus der politischen Überzeugung, dass allen Menschen Bewegungsfreiheit und Bleiberecht zustehen. Alle waren sich einig, dass Familien nicht auseinandergerissen werden sollen. All diese Gründe führen dazu, dass sich Menschen stundenlang zusammen auf eine Straße setzen, sich gegenseitig mit Wasser, Essen und Ermutigung unterstützen, und das Risiko der Repression (sowohl körperlich, als auch juristisch) in Kauf zu nehmen. Als die Polizei dann total ausrastete und zahlreiche Menschen verletzte, kam es zu spontaner Solidarität: Unbekannte halfen einander, Verletzte wurden notversorgt, Anwohner*innen ließen die Menschen, die vor der Polizei und Panik flüchteten, in ihre Hauseingänge, holten Wasser und Milch, um die Schmerzen von Pfeffer und Tränengas zu lindern.

Besonders war, dass der Protest am Dienstag und Mittwoch viele verschiedene soziale Gruppen auf der Eisenbahnstraße zusammengebracht hat. Migrant*innen und Geflüchtete, Student*innen, Menschen aus den umliegenden Bars und Ladenprojekten und ältere Anwohner*innen mit dt. Staatsangehörigkeit. Wir stellten uns entschlossen gegen Rassismus, Abschiebung, Polizeigewalt und Autoritarismus, gegen die Unmenschlichkeit des europäischen Grenzregimes. Die Solidarität der Menschen miteinander hat unser Bewusstsein für Nachbarschaft und die sozialen Probleme anderer noch gestärkt. So schallte es am Dienstagabend laut durch die Straßen: „Alle zusammen gegen den Faschismus!“

Und das führen wir weiter

Im Moment sind weitere Aktionen von Anwohner*innen und linken Gruppen in Planung, um das Geschehene aufzuarbeiten. Es gibt Ideen einer Kiez-Versammlung, um sich stärker zu vernetzen und über das Erlebte zu sprechen. Eine weitere Demonstration im Gespräch. Genaues wird noch über Twitter und unseren Blog bekannt gegeben.

Es besteht bereits eine Soli-Gruppe zur Unterstützung der Gefangenen und von Repression Betroffener. Wollt ihr emotionalen Support und würdet gern mit jemandem über das Erlebte reden, wendet euch an Out of Action Leipzig (outofaction-leipzig@nadir.org)

Es ist möglich und notwendig, dass wir uns jeden Tag solidarisch mit unseren Mitmenschen zeigen: Polizeikontrollen kritisch begleiten und intervenieren, Betroffene von racial profiling, Schikane und Polizeigewalt19 unterstützen, uns gegen die Waffenverbotszone und den autoritären Kurs der sächsischen Polizei und Landesregierung wehren.

Wir wollen an sozialen Lösungen für die Probleme in unserem Viertel arbeiten. Wir wollen, dass Menschen, die von Armut, Diskriminierung wie Rassismus, Antisemitismus und Sexismus oder der restriktiven Asylpolitik betroffen sind, unterstützt werden. Das wollen wir widerständig und solidarisch tun.

Für Fragen, (nicht fremd- oder selbstbelastende) Hinweise und wenn ihr Lust habt bei uns mitzumachen, schreibt uns eine Mail: copwatchleipzig@riseup.net

 

  1. Verhandlungstag der Prozesse gegen Angeklagte

Hier findet ihr den Prozessbericht vom 1. Verhandlungstag am AG Leipzig vom Solidaritätskomitee und den Kritischen Jurist*innen Leipzig: https://le1007.home.blog/prozessbegleitung/

 

1 Wenn das, was die Polizei gestern durchgeführt hat, rechtmäßig war, dann ist eben auch das Gesetz das Problem.
2 Selbst die nachträglich bestehenden Rechtsschutzmöglichkeiten helfen nicht. Sie laufen meist ins Leere aufgrund von befürchteten Gegenanzeigen, Einstellung durch Staatsanwaltschaft, oder Beweisschwierigkeiten wegen fehlender Kennzeichnung der Beamt*innen.
3 Besondere Festnahmeeinheit der Polizei
4 https://antirepression.noblogs.org/post/2019/07/12/es-ist-abend-in-der-stadt-und-die-polizei-schlaegt-dich-bewusstlos-le1007/
5 Dies spielt eine Rolle im Rahmen der Verhältnismäßigkeitsprüfung: benötigt wird ein legitimes Ziel, damit die ergriffene Maßnahme rechtmäßig ist.
6 Ersteres gibt es nicht, zweiteres war in dieser Situation nicht zulässig.
7 Vgl. §§ 18 I, 13 II Sächs. Versammlungsgesetz.
8 Wegen der Polizeifestigkeit des Versammlungsrechts. Es gibt keine rechtliche Grundlage für die Durchsetzung des Entfernungsgebotes.
9 Sie hat keine Platzverweise erteilt.
10 Dazu unten mehr.
11 https://taz.de/Gewalt-bei-Anti-Abschiebe-Protest/!5611793/
12 https://www.supernovamag.de/le0907-leipzig-abschiebung-polizei-gewalt/
13 People of Color: alle Menschen mit Rassismuserfahrungen
14 https://www.polizei.sachsen.de/de/MI_2019_66082.htm
15 engl. Ecke. Ausdruck für Rumhängen, gemütliches Zusammensitzen auf der Straße
16 Wir stehen in Kontakt mit der Familie und der abgeschobenen Person in Spanien. Ihnen geht es nicht gut.
17 Bitte teilt uns mit, wenn ihr Repression erfahrt. Wir vermitteln euch an das Soli-Kommittee.

18 https://www.lvz.de/Leipzig/Lokales/Soli-Demo-nach-Abschiebung-und-Protesten-in-Leipzig

19 https://copwatchleipzig.home.blog/wie-intervenieren/, https://copwatchleipzig.home.blog/was-darf-die-polizei-was-darf-ich/