Redebeitrag auf der Kundgebung gegen Mietenwahnsinn und Verdrängung – für solidarische Nachbar*innenschaften (10.10.2025, Leipzig-West, Jahrtausendfeld)

In unserem Alltag fahren und gehen wir durch Leipzig und sehen Leerstand an jeder Ecke. Gleichzeitig finden unsere Freund*innen keine Wohnung mehr im eigenen Kiez; fast nur noch Familien mit zwei Einkommen können neu nach Leipzig ziehen; der Wunsch nach der Wohnung alleine geht nur für die mit einem sehr gut bezahlten Job auf. Unsere Viertel verändern sich, Wohnen in Innenstadtnähe wird zur Mittel- und Oberschichtenbubble.

Kurz: Auf dem neoliberalen Wohnungsmarkt Optionen zu haben, ist für alle, die nicht reich sind, sau schwerer. Besonders hart trifft es die, die in unserer Gesellschaft sowieso diskriminiert werden: Der ‚falsche‘ Nachname oder der falsche Herkunftsort, das ‚falsche‘ Familien- oder Wohnmodell, das Angewiesensein auf möglichst wenig Barrieren – all das macht es für viele oft unmöglich, sich den eigenen Wohnort aussuchen zu können.

Dieser Mietenwahnsinn, die Verdrängung und Vereinzelung wären ohne die bestehende Polizei deutlich schwerer durchzusetzen.

Zwangsräumungen

Denn das Wohnen im Kapitalismus ist nicht einfach eine Frage des Wohnungsmarktes. Das will ich kurz am Beispiel von Zwangsräumungen verdeutlichen:

Der Wohnungsmarkt alleine räumt keine Besetzung und führt auch keine Zwangsräumungen durch. Die dreckige Handarbeit der kapitalistischen Verdrängung hängt an der Polizei. Sachsen ist in Deutschland ganz vorne mit dabei, was Zwangsräumungen angeht. Neun Zwangsräumungen täglich ist die Bilanz unserer Wohnungspolitik, die allermeisten davon werden vollstreckt auf Grund von Mietschulden – einfach weil sich die Menschen die Miete nicht leisten können oder weil Jobcenter oder Ausländerbehörden die Mieten nicht rechtzeitig überweisen. Und die Zahlen steigen. Waren es 2022 noch 2200 Zwangsräumungen im Jahr, so waren es im Jahr 2024 schon 2700 Zwangsräumungen in Sachsen. Davon alleine 675 in Leipzig. Das heißt: An jedem Wochentag werden in Leipzig zwei Mietparteien gewaltsam aus ihren Wohnungen geräumt!

Manchmal passiert das im Stillen, oft aber ist es die Polizei, die von den Gerichtsvollzieher*innen um Amtshilfe gebeten wird. Und wenn es nur die Drohung ist: Hinter jeder Zwangsräumung steckt die polizeilich abgesicherte Klassengesellschaft. Ein paar anschauliche Beispiele aus der jüngsten Zeit: Diesen Januar wurde in Berlin eine alleinerziehende Mutter mit ihren 7 Kindern zwangsgeräumt. Manche der Kinder lagen mit Fieber im Bett, als die Polizei in der Tür stand. Die Mutter leidet an einer chronischen Organkrankheit. Die Zwangsräumung wurde trotzdem nicht gestoppt. Die Familie hatte noch 20 Minuten, um einige Sachen zu packen, dann wurde das Schloss gewechselt und das Zuhause war verloren.

Ein zweites Beispiel: Im Juli wurde in Leipzig eine Familie zwangsgeräumt, ohne dass ihr überhaupt der Räumungstermin genannt worden war. Plötzlich stand die Polizei vor ihrer Türe. Der Einsatz endete damit, dass der Familienvater eine Platzwunde am Kopf hatte und die Mutter kollabierte. Vier Wochen später entschied ein Gericht, dass die Räumung illegal gewesen war. Aber eine Entschädigung bekam die Familie nicht. Zurück blieben traumatisierte Menschen. Diese Familie hatte einen Flüchtlingsstatus und das machte ihre Situation besonders prekär. Denn für anerkannte Geflüchtete hat die Stadt Leipzig keine Unterbringungspflicht mehr. Sie müssen aus der Unterkunft raus und auf dem ‚freien‘ Wohnungsmarkt etwas finden. Das betrifft rund 3000 der 6000 in Leipziger Unterkünften lebenden Geflüchteten. Doch den wenigsten gelingt das. Die Wohnungsnot steigt.

Gleichzeitig werden Zwangsräumungen brutaler. Man muss nur durch die Schlagzeilen der Presse scrollen, um den Eindruck zu bekommen, dass Zwangsräumungen zu einem polizeilichen Übungsfeld in der urbanen Aufstandsbekämpfung werden, SEK inklusive. Nachbarwohnungen werden vorsorglich evakuiert, ganze Straßenzüge stundenlang abgesperrt, Polizeiroboter und Polizeipanzer aufgefahren, Helikopter überwachen das Umfeld. Dass die Wohnungsfrage eine der Polizeitaktik ist, war nicht immer so. Erst mit dem Anwachsen des städtischen Elends im Kapitalismus des 19. Jahrhunderts wurde die Polizei zu einem Akteur auf dem Wohnungsmarkt. Bis dahin lag es an den Eigentümern selbst, ihre Mieterinnen rauszuschmeißen, was ihnen allerdings wegen Gegenwehr nicht immer gelang. Erst wegen dieses Widerstands wurde die Polizei ermächtigt, dem Kapitalismus unter die Arme zu greifen. Die düsterste Seite des Wohnens in Deutschland liegt natürlich in der Nacht des Faschismus. Juden und Jüdinnen wurde der Mietschutz entzogen, sie konnten jederzeit ihre Wohnung verlieren und waren verpflichtet bei jüdischen Eigentümern einzuziehen. Diese völlig überfüllten Häuser erleichterten später ihre Gefangennahme und Deportation in den Massenmord.

Widerstand

Es ginge auch anders, besser. In den 1920er Jahren räumte der Staat Wohnungen nur, wenn Ersatzwohnraum zur Verfügung stand. In der DDR konnten Wohnungseigentümer ihre Mieter*innen gar nicht selbst kündigen, sondern waren dafür auf Gerichte angewiesen, was die Sache deutlich komplizierter machte. Dies war auch das geschichtliche Ergebnis von heftigen Protesten und Mieter*innenaufständen. Denn seit es Wohnungsnot und Zwangsräumungen gibt, gibt es Widerstand dagegen.

Eine neue Bewegung gegen Zwangsräumungen bildete sich 2012, als die Kreuzbergerin Nuriye Cengiz einen Zettel an das Fenster ihrer Erdgeschosswohnung klebte, auf dem Stand: „Ich, Rentnerin im Rollstuhl, soll raus und will nicht!“ Es gründete sich das Bündnis gegen Zwangsräumungen und es kam zu spektakulären Blockadeversuchen, gebrochen nur duch massive Polizeigewalt.

Wir kennen auch andere Formen des Widerstands gegen Leerstand, Gentrifizierung und Verdrängung: nämlich Besetzungen. Auch hier zeigt sich die Polizei als eigenständiger Akteur unserer Klassengesellschaft. Denn die Polizei räumt Hausbesetzungen oft aus eigenem Antrieb und meint, damit eine sogenannte „Störung der öffentlichen Sicherheit“ zu verhindern. Aber unsere Sicherheit sind nicht jahrzehntelanger Leerstand und Wohnraum als Anlage- und Profitobjekt von Immobilienfirmen. Wir sagen: Leerstand ist eine Störung der öffentlichen Sicherheit! Verdrängung und Wohnungsspekulation sind Störungen der öffentlichen Sicherheit!

Was öffentliche Sicherheit ist und was eine Gefahr dafür, sind politische Fragen. Rechtlich gesehen, darf die Polizei beispielsweise Wohnungen beschlagnahmen, um der akuten Gefahr von Obdachlosigkeit entgegenzutreten – das ist ausdrücklich so geregelt. Davon hören und lesen wir allerdings nichts. Mit dem gleichen Recht, mit dem die Polizei für hohe Kosten Besetzungen räumt, könnte sie also auch Wohnraum zur Verfügung stellen. Das tut sie nicht. Denn in antilinker Tradition geht es ihr nicht um eine gute Ordnung für alle, sondern um die kapitalistische Ordnung. Es geht ihr nicht um die materielle Sicherheit aller Menschen, sondern um die Sicherheit von Privateigentum und Profit. Wie dumm das ist, merken Polizist*innen leider erst dann, wenn es für sie selbst zu spät ist und sie oder ihre Kinder sich keine Wohnungen mehr in Leipzig leisten können werden.

Wir wollen eine Gesellschaft, in der es allen Menschen mit Sicherheit gut geht. Wir wollen die Sicherheit eines Dachs über dem Kopf, wir wollen die Sicherheit langjähriger Nachbarschaften und die Sicherheit dort wohnen zu können, wo wir uns zuhause fühlen. Öffentliche Sicherheit heißt Wohnraum für Alle! Unsere Gefahr sind Wuchermieten, Leerstand und Wohnraum als Profitgeschäft!

Wir wissen, dass die Polizei uns bei der Herstellung dieser Sicherheit keine Hilfe sein wird. Im Gegenteil. Wer sich um die Sicherheit aller kümmert, kommt schnell mit der Polizei in Konflikt.

Meldet Euch bei uns, falls Ihr Stress mit der Polizei habt. Schreibt uns Berichte und Erfahrungen von Polizeigewalt, ihr könnt das anonym und verschlüsselt über unsere Homepage tun. Wir dokumentieren Polizeigewalt und wir beraten und unterstützen Betroffene.

Für solidarische Nachbar*innenschaften!

Infoblatt zu kostenloser rechtlicher Beratung und Unterstützung

In Deutschland können Menschen ohne oder mit geringem Einkommen Beratungs- und Prozesskostenhilfe bekommen. Sie können sich damit kostenlos anwaltlich beraten und vertreten lassen. Die Anwält:innen bekommen dann die gesetzliche Mindestvergütung vom Staat bezahlt. Meist hängt die Gewährung der Hilfe von den Erfolgsaussichten ab. Insbesondere Menschen, die Sozialhilfe, Bürgergeld, Arbeitslosengeld, Asylbewerberleistungen oder Bafög bekommen, sollten die Unterstützung nutzen.

Wir haben ein Infoblatt dazu gemacht. Was kommt wann in Frage? Wie wird die Hilfe beantragt? Was sind die Risiken?

Bei Unklarheiten oder weiteren Fragen meldet Euch per Kontaktformular oder Email.

Deutsch

En Alemania, las personas sin ingresos o con ingresos bajos pueden recibir asesoramiento y asistencia jurídica gratuita (Beratungs- und Prozesskostenhilfe). Esto le permite ser asesorado y representado gratuitamente por un abogado. El Estado paga a l@s abogad@s los honorarios mínimos legales. En la mayoría de los casos, la concesión de la asistencia depende de las perspectivas de éxito. En particular, las personas que reciben asistencia social, subsidio de ciudadanía, subsidio de desempleo, subsidio de solicitante de asilo deben aprovechar esta ayuda.

Hemos elaborado una hoja informativa al respecto. ¿Qué es subvencionable y cuándo? ¿Cómo se solicita la ayuda? ¿Cuáles son los riesgos?

Redebeitrag zum 13.12.22

Dieses Jahr wurden 10 Menschen durch Polizeischüsse ermordet. Einer davon war der 16-jährige Mohammed, der am 08. August in Dortmund mit 6 Schüssen hingerichtet wurde. Dabei sorgten 5 Bullen unter Einsatz von Pfefferspray, Maschinenpistole und Taser dafür, dass der unbegleitete Geflüchtete heute nicht mehr am Leben ist. Dieser schreckliche Mord zeigte einmal wieder das gewaltsame und rassistische Gesicht der Polizei.

Und es ist wichtig, dass wir diese grausamen Taten an uns heranlassen, damit uns klar bleibt, was klar ist: Dass diese verdammte, mörderische Schlägerbande abgeschafft und aufgelöst werden muss. Und es muss sofort damit angefangen werden, nicht demnächst oder irgendwann in der Zukunft. Denn die Polizei rüstet massiv auf und Polizeigesetze geben ihr immer mehr Befugnisse.

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Abolish Frontex!


*English below*

Redebeitrag zur #unverhandelbar Demo der Seebrücke in Dresden am 7.8.21
Speech at the #unverhandelbar demonstration of the Seebrücke in Dresden on 7.8.21

Hallo Leute,
danke für die Organisation des heutigen Tages. Wir sind von Copwatch Leipzig und möchten diese Veranstaltung nutzen, um über die Beteiligung der deutschen Polizei am mörderischen Grenzregime der EU zu sprechen.

Die Polizei gibt sich diskriminierend, rassistisch und straflustig – vor allem in migrantisch- proletarisch geprägten Vierteln in ganz Deutschland. Immer wieder sterben Schwarze, People of Color und rassifizierte Menschen in Polizeigewahrsam. Immer wieder schieben deutsche Polizist:innen Menschen ab, obwohl ihnen Verfolgung, Gewalt und der Tod drohen. Und kaum ein Tag vergeht, ohne dass rechte und neonazistische Strukturen in Polizeichatgruppen durch die Recherche mutiger Journalist:innen aufgedeckt werden.

Aber nicht nur nach innen, auch nach außen ist rassistische Polizeigewalt an der Tagesordnung. An den EU-Außengrenzen ist sie ein fester Bestandteil der migrationsfeindlichen Abschottungspolitik der Europäischen Union. So wurden zuletzt im März 2020 die Geflüchteten Muhammad Al-arab und Muhammad Gulzar bei dem Versuch erschossen, die griechisch- türkische Grenze zu überqueren – mutmaßlich von griechischen Grenzpolizisten. Sowohl die griechische Regierung als auch Institutionen der EU und die Bundesregierung schweigen bis heute zu diesem Vorfall. In dieser Zeit setzte der türkische Diktator Erdogan Geflüchtete als Druckmittel auf die EU ein und erklärte die griechische Grenze für kurze Zeit für geöffnet. Die EU reagiert sofort und mit aller Härte. Anstatt ihren Ansprüchen an Demokratie und Menschenrechte gerecht zu werden, wurde Griechenland im EU-Parlament mit Lob überschüttet und kurz darauf in der Europäischen Kommission zum „Schutzschild Europas“ erklärt.

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Die Evaluation der Waffenverbotszone in Leipzig & was die Sicherheitsbehörden daraus schlussfolgern

Ein Gastbeitrag von Florian Krahmer, Politikwissenschaftler und Gewinner der Klage gegen das „Verbot des Mitführens gefährlicher Gegenstände“ im Rahmen der Waffenverbotszonenverordnung am OVG Bautzen.

Die Kritik, die wir bereits vor der Studie an deren Konzeption geübt haben, findet ihr hier: https://copwatchleipzig.home.blog/evaluation-der-wvz/evaluation-der-waffenverbotszone-kritik-an-der-studie/. Ein Kommentar von uns zum „Bürgerdialog“ zur WVZ-Evaluation am 19.07.21 mit Ordnungsbürgermeister, Polizeipräsident Leipzig und den 2 verantwortlichen Wissenschaftlern folgt.

Inhalt

1. Vorbemerkung

2. Eine Evaluation die Keine ist

3. Was hat die Evaluation evaluiert?

4. Bewusst ausgenutzt Interpretationsspielräume

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Die faktische Abschaffung der Waffenverbotszone

#WVZabschießen Die Leipziger Waffenverbotszone ist faktisch abgeschafft! #SozialeSicherheitstärken

English below

Auf der Pressekonferenz1 am 9.6.21 verkündete der sächsische Innenminister, dass die Waffenverbotszone auf der Leipziger Eisenbahnstraße bald „überwunden“ werden soll. Der Leipziger Polizeipräsident ergänzte, dass die Polizei daher ihre Kontrollpraxis bezüglich dem Mitführen von Waffen ebenso anpassen werde, wie sie es schon nach dem Urteil des OVG Bautzen vom 24.3.21 getan hätten. Dieses hatte die Verordnung über das Verbot zum Mitführen von gefährlichen Gegenständen für rechtswidrig erklärt.

Ein Erfolg der sozialen Bewegung

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Abolish The Police

*English below*

Abolitionismus in Deutschland

Die Forderung nach der Abschaffung der Polizei wurde zum ersten mal von der US-amerikanischen Black-Power-Bewegung formuliert. Dabei ging es in erster Linie um die Abschaffung der Sklaverei. Doch zu deren Durchsetzung war immer ein Strafsystem notwendig, dessen wohl wichtigster Teil die sog. slave patrols waren. Diese patrouillierenden Weißen waren dafür zuständig, auf der Flucht befindliche Sklaven wieder einzufangen, sie zu bestrafen oder zu töten, wenn sie Verfehlungen begangen haben. Diese slave patrols sind der direkte Vorgänger der heutigen modernen Polizei. Daraus wird abgeleitet, dass die Polizei, die vor allem dem Schutz von Eigentum und Nationalstaat verschrieben ist, aus ihrer Aufgabe und Struktur heraus rassistisch ist und auch nach jeder möglichen Reform bleiben wird. Die Polizei im Kapitalismus, mit ihrer spezifischen Entstehungsgeschichte wird rassistische Verhältnisse daher immer stabilisieren, sodass ihre Abschaffung allein einen Ausweg aus der Ungleichheit hin zu einer gerechteren Gesellschaft bietet.

Der Abolitionismus ist in Deutschland erst nach den weltweiten Protesten nach der Ermordung von George Floyd im Juni 2020 zu einer ernsthaften Forderung erstarkt. Die Forderung nach Herstellung von Sicherheit und Gerechtigkeit abseits von Polizei und Gefängnissen war davor zwar als Idee bekannt und wurde auch von einigen linksradikalen Gruppen vertreten. Doch in der gesellschaftlichen Diskussion spielte er keine Rolle. Das mehrheitlich ungebrochene Vertrauen und die zentrale Stellung der Polizei in der Bundesrepublik Deutschland hat unserer Einschätzung nach eine historische sowie kulturelle Ursache.

In Deutschland hat sich die moderne Polizei zum einen aus den Erfahrungen der oben beschriebenen slave patrols, die insbesondere auch in den deutschen Kolonien in Afrika erprobt wurden, entwickelt. Aber auch die Londoner City Police, die im 19. Jahrhundert zur Bestrafung von Armuts- bzw. Elendskriminalität in der von Industrialisierung und Kapitalisierung gebeutelten Stadt geschaffen wurde, ist ein wichtiger Legitimationsstrang. In der Zeit des Kaiserreichs und der Weimarer Republik wurde die Polizei unter militärischem Vorzeichen formalisiert. Die Strukturprinzipien der Polizei, Rassismus, Klassismus, Militär und folglich auch Antikommunismus, wurden unter den Nationalsozialisten zu einer allumfassenden Organisation zur Verwaltung der Gesellschaft pervertiert, die auch zuständig für die Shoa war. Die Aufspaltung der Bevölkerung in „gute“ und „schlechte“, also zu Beschützende und Auszugrenzende, zu Bestrafende oder zu Vernichtende, ist ein wichtiger Bestandteil polizeilicher Arbeit, der sich – wenn auch nicht in dieser unvergleichlichen Intensität – bis heute fortsetzt. Nach dem Sieg über den Nationalsozialismus wurde es geschafft, die „Freund und Helfer“-Erzählung, die insbesondere von Heinrich Himmler zum Leitspruch der deutschen Polizei erhoben wurde, in der Bundesrepublik und der DDR weiterhin glaubhaft aufrecht zu erhalten. Die einzige Änderung war, dass Polizei, Militär und Geheimdienste organisatorisch voneinander getrennt wurden, um die Allmacht der sog. Sicherheitsorgane zu brechen. Das von der Zustimmungsdiktatur profitierende Tätervolk nahm dies trotz der unsäglichen Erfahrung mit SA, SS und Gestapo dankbar und konsequenzenlos auf. So wurde die Rolle der Polizei bei dem größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte weder kritisch reflektiert, noch wurden die Voraussetzungen entzogen, dass sich die Geschichte wiederhole.

Der autoritäre Charakter der deutschen Gesellschaft, die neoliberal-kapitalistische Ideologie und das Vertrauen in die sog. Sicherheitsorgane, weil sie mehrheitlich von der differentiellen Ungleichheit profitieren, führ(t)en dazu, dass sich abolitionistische Forderungen in Deutschland bisher nicht so stark verbreiten konnten. Stattdessen wird von politisch Verantwortlichen entgegen aller Beweise weiterhin verlauten lassen, dass es keine Polizeigewalt bei G20 gegeben habe, dass es keine rechtsterroristischen Netzwerke sondern nur „Einzeltäter“ gebe oder dass es kein racial profiling gebe, weil es ja verboten sei. So sind nicht mal die kleinsten Reformen zu mehr Kontrolle und Reflexion möglich, die in anderen demokratischen Staaten selbstverständlich sind.

Doch die Zeit der unhinterfragten Macht der Polizei ist in Deutschland nun auch vorbei. Schon seit einigen Jahren gibt es vermehrt Kritik und damit einhergehenden Reformforderungen wegen diesem unerträglichen status quo. Doch nun geht es tatsächlich an die Substanz. Es gibt immer mehr Diskussionsveranstaltungen, Kongresse, Bücher, wissenschaftliche Auseinandersetzungen und politische Aktionen, die die Abschaffung der Polizei und einen anderen Umgang mit gesellschaftlichen und interpersonalen Konflikten fordern. Dabei geht es auch um ein anderes Verständnis von Sicherheit, welches – anders als das bisherige polizeiliche Verständnis – nicht nur die Abwesenheit von „Kriminalität“ sondern vor allem eine soziale Sicherheit bezüglich materieller Absicherung, Schutz vor diskriminierender Gewalt und gesundheitliche Perspektiven in den Mittelpunkt stellt. Zahlreiche zivilgesellschaftliche Gruppen und Wissenschaftler*innen fordern mittlerweile die Abschaffung der Polizei. An großen Organisationen, wie auch Gewerkschaften oder Parteien, ist dies noch nicht zu beobachten und auch nicht zu erwarten. Sofern überhaupt #Polizeiprobleme erkannt werden, wird sich lieber darauf bezogen, die Polizei durch Reformen „besser“ machen zu wollen, da eine Gesellschaft ohne Polizei einfach (noch) nicht vorstellbar ist.

Doch gerade die Erfahrungen von biPoC und jungen Aktivist*innen von Polizeigewalt oder ungerechtfertigter Repression sowie die immer offensichtlicheren strukturellen Probleme der Polizei hinsichtlich undemokratischen und rechten Tendenzen und Skandalen könnten hier ein Katalysator für eine breitere Rezeption des Abolitionismus sein. Dies wird jedoch nur gelingen, wenn die Rolle der Polizei als Herstellerin der Ungleichheit des Kapitalismus entlang diskriminierender Kategorien verstanden und somit intersektional kritisiert wird.

Abolitionism in Germany

The demand for the abolition of the police was first formulated by the U.S. Black Power movement. This was primarily about the abolition of slavery. But to enforce this, a system of punishment was always necessary, of which the so-called slave patrols were probably the most important part. These patrolling whites were responsible for recapturing slaves who were on the run, punishing them or killing them if they committed transgressions. These slave patrols are the direct predecessor of today’s modern police. It is inferred that the police, dedicated primarily to the protection of property and the nation-state, are racist by their very mission and structure, and will remain so after any possible reform. The police under capitalism, with its specific history of formation, will therefore always stabilize racist relations, so that its abolition alone offers a way out of inequality toward a more just society.

Abolitionism only became a serious demand in Germany after the worldwide protests following the murder of George Floyd in June 2020. The demand for the establishment of security and justice away from police and prisons was known as an idea before that and was also advocated by some radical left groups. But it played no role in the social discussion. The majority’s unbroken trust in and central position of the police in the Federal Republic of Germany has, in our estimation, a historical as well as a cultural cause.

In Germany, the modern police developed, on the one hand, from the experience of the slave patrols described above, which were also tried out in particular in the German colonies in Africa. But also the London City Police, which was created in the 19th century to punish poverty or misery-related crime in the city, which was buffeted by industrialization and capitalization, is an important strand of legitimacy. During the Empire and the Weimar Republic, the police were formalized under military auspices. The structural principles of the police, racism, classism, militarism, and consequently anti-communism, were perverted under the National Socialists into an all-encompassing organization for the administration of society, which was also responsible for the Shoa. The division of the population into „good“ and „bad,“ i.e., those to be protected and those to be excluded, those to be punished or those to be destroyed, is an important component of police work that continues to this day, although not with such unparalleled intensity. After the victory over National Socialism, the „friend and helper“ narrative, which was elevated to the guiding principle of the German police, especially by Heinrich Himmler, continued to be credibly maintained in the Federal Republic and the GDR. The only change was that the police, military and secret services were organizationally separated from each other in order to break the omnipotence of the so-called security organs. The perpetrator people, who profited from the dictatorship of consent, accepted this gratefully and without consequence, despite their unspeakable experience with the SA, SS and Gestapo. Thus, the role of the police in the greatest crime in human history was not critically reflected upon, nor were the conditions removed for history to repeat itself.

The authoritarian character of German society, the neo-liberal-capitalist ideology and the trust in the so-called security organs, because the majority of them profit from the differential inequality, lead(ed) to the fact that abolitionist demands could not spread so strongly in Germany so far. Instead, those in positions of political responsibility continue to proclaim, against all evidence, that there was no police violence at G20, that there are no right-wing terrorist networks but only „individual perpetrators,“ or that there is no racial profiling because it is forbidden. Thus, not even the smallest reforms towards more control and reflection are possible, which are a matter of course in other democratic states.

But the time of the unquestioned power of the police is now also over in Germany. For several years now, there has been increasing criticism and accompanying calls for reform because of this intolerable status quo. But now it is really getting down to the substance. There are more and more discussion events, congresses, books, scientific debates and political actions demanding the abolition of the police and a different way of dealing with social and interpersonal conflicts. This also involves a different understanding of security, which – unlike the previous police understanding – focuses not only on the absence of „crime“ but above all on social security in terms of material security, protection from discriminatory violence and health prospects. Numerous civil society groups and academics are now calling for the abolition of the police. This has not yet been observed in large organizations, such as trade unions or political parties, nor is it to be expected. If any #police problems are recognized at all, people prefer to refer to wanting to make the police „better“ through reforms, since a society without police is simply not (yet) conceivable.

But it is precisely the experiences of biPoC and young activists of police violence or unjustified repression, as well as the increasingly obvious structural problems of the police in terms of undemocratic and right-wing tendencies and scandals, that could be a catalyst for a broader reception of abolitionism here. However, this will only succeed if the role of the police as producers of capitalism’s inequality along discriminatory categories is understood and thus critiqued intersectionally.